Das fruchtbare Prinzip des Leids

Gastbeitrag von Katharina Weck

Ich habe Katharina auf Instagram kennengelernt. Sie ist Mutter von zwei fröhlichen, süßen Jungs. Auf ihrem Profil teilt sie Eindrücke aus ihrem Familienleben mit ihrem krebskranken Sohn. Im Mai 2017 wurde kurz nach seinem fünften Geburtstag ALL- Akute lymphoblastische Leukämie bei ihrem Großen festgestellt. Die Prognose ist gut, aber der Weg weit und steinig. 

In der vergangenen Woche hat mich einer ihrer Posts so berührt, dass ich sie gefragt habe, ob ich ihn hier teilen darf. Denn ich glaube, wir können viel von ihr lernen!

Mal wieder ein Morgen in der Tagesklinik des Krankenhauses, das heißt warten, warten, warten, animieren, ablenken, beschäftigen.

Wir sitzen im Spielzimmer und puzzeln, da höre ich Gelächter auf dem Klinikflur. Die Stimme kenne ich doch, denke ich. Da biegt er schon um die Ecke, ein kleiner dreijähriger Wirbelwind, Joscha. Mein Herz geht auf, ich mag ihn sehr. Er und seine Familie begleiten uns seit dem ersten Tag dieser schweren Zeit, dem Abend im Mai, als wir uns nach einem Marathon von Untersuchungen auf einmal auf der Kinderonkologie wiederfanden, völlig verwirrt, ohne Diagnose, aber mit einer dunklen Vorahnung.

Seine Mutter und ich sind von Beginn an Verbündete. Im normalen Leben hätten wir wahrscheinlich niemals zueinander gefunden.
Sie berichtet mir, wie es ihnen geht. Mein Leid spiegelt sich in ihren Augen wider. Ich kann all ihre Aussagen unterschreiben. Auch wir können nicht mehr, die Angst und Müdigkeit liegen in jeder Falte unserer Gesichter. Durchhalten, wir müssen durchhalten - wie ein Mantra wiederholen wir es abwechselnd, reden über die Zukunft, über die genehmigte Reha, über die Zeit, wenn der Broviac-Katheter endlich raus ist und damit ein Zeichen gesetzt wird.

Es gesellt sich noch eine Mutter zu uns. Sie und meine Verbündete scheinen sich näher zu kennen. Die Mutter ist aufgebracht. Sie erzählt, dass sie vor zwei Tagen wieder Schwellungen im Bauch ihres Sohnes gefühlt hat, wahrscheinlich geschwollene Lymphknoten, der Horror. Sie ist wütend, regt sich über die Ärzte/Innen und ihre Vorgehensweise auf, doch wir wissen alle, dass sie nicht wütend ist, schon gar nicht auf die tollen Ärzte/Innen hier. Sie hat Angst, wahnsinnige Angst.
Ich kriege einen Kloß im Hals, fühle was sie fühlt, versuche nicht zuzuhören, suche Puzzleteile.
Unmöglich, ich nehme jedes Wort auf. Jetzt erzählt sie von einem Jungen, Clemens, mehr als doppelt so alt wie unser Sohn - groß, hübsch, smart - wir kennen ihn von der Station, nicht näher, man läuft sich hin und wieder über den Weg.

Sie nimmt das Wort „Beerdigung“ in den Mund. Moment. Halt. Das kann nicht sein. Hier werden Kinder geheilt. Die Quote liegt bei mutmachenden 95 %, deswegen sind wir alle hier, wegen der Heilung.

Ich bin wie gelähmt. Mir wird schwindelig. Ich konzentriere mich auf eine Stelle auf dem Boden. Als ich wieder aufschaue, ist die Mutter weg. Langsam dringt Joschas Lachen durch den Nebel.
Vorsichtig frage ich meine Verbündete, ob es sein kann. Sie bejaht, der Junge sei zwischen den Feiertagen verstorben.
Nein, nein, nein, warum Herr, warum?
Ich denke an die Eltern. Eltern wie wir es sind, die einen Jungen geboren, versorgt, erzogen, beschützt, genährt haben. Ich kann mich kaum zusammenreißen, schaue mich um, sehe all die Kinder, die mit ihren kahlen Köpfen beim schnellen Hinschauen aussehen, als stammten sie aus einer Familie.
Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, dass die Überzahl dieser Kinder nächsten, spätestens übernächsten Sommer wieder ein nahezu normales Leben führen kann. Es will nicht richtig gelingen. Ich bete, atme durch, zweifle nicht an einem gnädigen Gott, doch ich bin fassungslos.

Mir gehen Worte von Bonhoeffer durch den Kopf:

„Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, daß wir die großen Ereignisse der Weltgesichte einmal von unten, aus der Perspektive der [...] Leidenden sehen gelernt haben. Wenn nur in dieser Zeit nicht Bitterkeit oder Neid das Herz zerfressen hat, dass wir Großes und Kleines, Glück und Unglück, Stärke und Schwäche mit neuen Augen ansehen, daß unser Blick für Größe, Menschlichkeit, Recht und Barmherzigkeit klarer, freier, unbestechlicher geworden ist; ja, daß das persönliche
Leiden ein tauglicherer Schlüssel, ein fruchtbareres Prinzip zur
betrachtenden und tätigen Erschließung der Welt ist als persönliches Glück.

Ich versuche, ein Bonhoeffer zu sein, versuche an unserer Situation nicht zu verzweifeln, aus Angst zu erstarren oder zynisch zu werden. Denn das lässt mein Herz verkümmern und dieses Herz brauche ich - für mich und für unsere Familie. Wie soll ich mit einem verkümmerten Herzen zwei Söhne durch den Tag, durch das Leben bringen!
Wir werden aufgerufen, Blut wird abgenommen und wir fahren wieder Heim. Ich nutze die Autofahrt, um zu beten, um „den tauglichen Schlüssel unseres Leid“ zu suchen, von dem Bonhoeffer spricht. Ich werde ruhiger, meine Abhängigkeit ist mir durch und durch bewusst. In unserem Leben entscheide ich gerade nichts. Ich bin wie nie zuvor gezwungen abzugeben, ich spüre nichts als die Möglichkeit, Gott zu vertrauen und das macht mich paradoxer Weise ruhig. Seine Nähe ist mit einem Mal unübersehbar.

Ich fahre mit offenen Augen durch Berlin, auf der Suche nach Eucharisteo, meinem Dankesgebet - „ein Baumskelett, das sich in einer Pfütze spiegelt“, „die vorsichtigen Hände einer Ärztin“, „die Farben eines Wintermorgens“.

Ich hab mich wieder. Das dumpfe Gefühl bleibt, doch ich bin mir Gottes Liebe sicher. Er wird uns nicht verlassen - „alle Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!"

Meine Aufgabe ist es, das nicht zu vergessen. Amen.
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Katharina, ich wünsche dir und deinen drei Männern, dass ihr euch getragen fühlt, gebettete in Geborgenheit und Liebe. 

Wenn Katharina vom Eucharisteo spricht, nimmt sie Bezug auf das Buch "1000 Geschenke" von Ann Voskamp - eins meiner absoluten Lieblingsbücher.

Wer ihr eine Ermutigung zukommen lassen möchte, kann dies entweder hier in den Kommentaren tun oder direkt auf ihrem Instagram-Profil.

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6 Antworten

  1. Wow, so bewegend!
    Wunderschön geschrieben. Man kann den Frieden am Ende förmlich spüren.
    Ich wünsche der Familie so viel Kraft!

    • Ich war auch den Tränen nahe. Es ist wirklich ein übernatürlicher Friede…

  2. Der Artikel hat mich sehr berührt. Gerade in schwierigen Zeiten, ist Gottes Nähe noch mehr spürbar, seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. DANKE☺

    • Ja, ich bin auch total berührt gewesen und freue mich so, dass ich den Text veröffentlichen durfte.

  3. Sehr berührend und traurig. In solchen Situtauíonen stark und vertrauensvoll zu bleiben stelle ich mir sehr schwer vor. Da gewinnt “werft eure Sorgen auf ihn und vertraut mir” eine viel stärkere Bedeutung, als mit unseren “kleinen” Alltagsproblemen.

    Claudia

    • Liebe Claudia, ja, das stimmt. Aber ich glaube dennoch, dass Jesus auch unsere kleinen Sorgen meinte. Nichts ist zu klein und nichts zu groß. Alles Liebe, Regina

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