Enttäuschte Hoffnung – Manchmal ist Glaube einfach nur Kopfsache

Von Gott enttäuscht

Enttäuscht. Wütend. Resigniert.

Die Worte von David aus dem 13. Psalm klingen in meinem Ohr:

"Herr, wie lange willst du mich noch vergessen? Wie lange willst du dich noch von mir abwenden? Wie lange soll meine Seele noch sorgen und mein Herz täglich aufs Neue trauern? Wie lange wird mein Feind noch die Oberhand behalten? Wende dich mir zu und erhöre mich, Herr, mein Gott! Mach es wieder hell vor meinen Augen, damit ich nicht sterbe. Lass nicht zu, dass meine Feinde triumphieren und sagen: »Wir haben ihn besiegt!« Lass nicht zu, dass sie jubeln, weil ich unterliege." (Psalm 13,2-5, NL)

Ich habe mit Gott gekämpft, mich bei ihm beklagt und manchmal da hab ich ihn angeschrien: Wo warst du? Warum hast du nicht geholfen?

Und mich beschleicht dieses Gefühl, dass alles, woran ich geglaubt habe, falsch ist. Eine Lüge.

Gott hat gesagt, er sei immer bei mir. Doch ich fühle mich von ihm im Stich gelassen.

Er hat gesagt, dass er mich liebt. Wie kann er mir dann so etwas antun?

Ich habe daran geglaubt, dass er einen guten Plan für mein Leben hat. Doch es scheint ihm alles entglitten zu sein.

Oder gibt es ihn noch nicht einmal?

So manch ein Bibelvers schmeckt bittersüß. Als wäre diese schöne Wahrheit nicht für mich.

Wo ist diese bedingungslose Liebe, Zukunft und Hoffnung, Friede und Fülle?

Wo ist mein Zufluchtsort, mein starker Fels?

Nicht hier. Nicht bei mir. Nicht mehr.

Ich will Gott spüren. In meinem Herzen, bis in die Fingerspitzen. Ich will ihn fühlen, wie er neben mir geht, wenn ich einen Spaziergang durch die Felder mache. Ich will seine Gegenwart wahrnehmen, wenn ich meinen Alltagspflichten nachgehe. Ich will begeistert singen. Ich will sein Wort mit Freude lesen und eindrücklich erleben, dass er zu mir spricht. Ich will Gott mit meinem ganzen Sein erfahren.

Und das tue ich. Manchmal.

Manchmal nicht.

Zwischen Wut und Vertrauen

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich Gottes Gegenwart oder Gottes Fürsorge nicht so deutlich sehe, wie in den Hoch-Zeiten. Samuels Tod war für mich die größte Herausforderung, mein Vertrauen in ihn nicht zu verlieren.

Es ist nicht so, dass ich seine Gegenwart nicht gespürt habe. Denn das habe ich ganz deutlich und sie hat mich immer wieder getröstet. Auch seine praktische Fürsorge.

Aber warum er Samuel nicht geheilt hat, warum mein Baby nicht nach Hause kommen durfte - das verstehe ich bis heute nicht. Es erscheint mir unlogisch, so gar nicht weise und erstrecht nicht liebevoll. Ich habe geglaubt. Das habe ich noch vor Samuels Geburt in einen Artikel verfasst. Doch Gott hat einen anderen Weg gewählt. Ich habe mich im Stich gelassen, ja verraten gefühlt. Ich war wütend.

Dann gab es aber auch Tage, an denen ich von ganzem Herzen sagen konnte: Ich vertraue dir. Ich will deinen Weg gehen, weil ich weiß, dass du das Ende der Geschichte kennst.

Erinnerungen an das, was wir in der Vergangenheit schon mit ihm erlebt hatten, wurden zu meinen Ankerpunkten, an denen ich mich festkrallte. Menschen, die trotz Schmerz und Leid in ihrem Leben bei Gott blieben, wurden meine Vorbilder.

Da war Trost und da war Traurigkeit. Enttäuschung. Oder Sehnsucht. Hoffnung. Und Vertrauen?

Würde Gott meine Wünsche erfüllen, klar würde ich ihm vertrauen. - Oder viel mehr sein Fan sein. Denn mit Vertrauen hätte das wohl nichts zu tun.

Glaube unter einer Bedingung

Vertrauen. Glaube. - Was ist das eigentlich?

Wie oft ich schon gehört und gelesen habe, dass Menschen enttäuscht von Gott sind, weil... Sie den Glauben an ihn verloren haben, weil... Sie können nicht an einen Gott glauben oder wenigstens nicht an seine Liebe und Allmacht, weil er dies und jenes zulässt.

Wir stellen Bedingungen an ihn. Um sich unser Vertrauen zu verdienen.

Als wir erfahren haben, dass Samuel krank ist, stand für uns fest, dass wir an Gott festhalten wollten, auch wenn er ihn nicht gesund machen würde. Er würde uns helfen. Amen.

Dann haben wir erfahren, dass Samuel Trisomie 18, also eine kurze Lebenserwartung hatte. Er würde sterben. Als er sechs Wochen alt war, ist dieser Artikel über  Wut und Dankbarkeit entstanden. Jedes Wort war und ist noch so gemeint.

Wir beteten, dass er wenigstens nach Hause kommen könne. Wir wollten etwas Zeit als Familie. Wäre das nicht ein Kleines für ihn gewesen? Aber das hat er uns nicht gegeben. Ich war so enttäuscht. Und bin es noch.

Es ist eine Entscheidung

Es war mir so wichtig, aber Gott hat Nein gesagt. Wollte oder konnte er nicht? Fragen, Klagen, Zweifel. Selbst während ich das hier schreibe, holen meine Gefühle mich wieder ein.

Nun stehe ich vor der Entscheidung. Nicht nur damals, sondern immer wieder. Jetzt.

Gehe ich mit meinem Gefühl oder bleibe ich bei dem, was ich über und von Gott weiß?

Enttäuschung, Wut und Traurigkeit gehören zum Weg der Trauer. Einem Weg, der erst enden wird, wenn wir unsere Liebsten wieder in den Arm nehmen können. Doch es ist ein Trugschluss, wenn wir meinen, dass wir diesen Gefühlen ausgeliefert sind. Das sind wir nicht.

Wir entscheiden uns. Und wenn wir uns nicht entscheiden, dann ist das auch eine Entscheidung.

Doch diese Entscheidung für Vertrauen ist schwer. Manchmal ist sie leicht. Aber meistens ist es ein Kampf.

Für mich steht fest: An Gottes Liebe und seiner Souveränität ist nicht zu rütteln. Und auch meine Emotionen, meine Fragen sind nicht größer als diese Wahrheiten. Dann ist mein Glaube eine Entscheidung, die ich in meinem Kopf treffe, nur mit meinem Verstand, weil mein Herz gerade zu verzweifelt ist, um seinen Blick von meinem Leid abzuwenden. Und dann gilt es, diese Dissonanz auszuhalten.

Ich fühle mich von ihm im Stich gelassen. Aber ich weiß, dass er IMMER bei mir ist, erstrecht, wenn es mir schlecht geht. (Jesaja 41,40)

Ich spüre seine Liebe nicht, aber ich weiß, dass er mich unendlich und bedingungslos liebt. Die Bibel ist sein Liebesbrief an mich, das Kreuz der ultimative Beweis und mein Leben mit all seinen Facetten sein Geschenk an mich. (Johannes 3,16; Römer 8,38-39)

Ich fürchte, Gott kann mir auch nicht mehr helfen. Doch ich bin überzeugt davon, dass er allwissend, allmächtig und allgegenwärtig ist. Er hat versprochen, mich zu führen, wie ein guter Hirte, mich zu trösten wie eine Mutter und mich zu lieben wie ein Bräutigam seine Braut. (Psalm 23; Jesaja 66,13; Epheser 5,25)

Daran glaube ich, auch dann, wenn ich mich gar nicht danach fühle.

Gott ist mehr

Denn Gott ist mehr als unsere Emotionen. Wir werden ihm nicht gerecht, wenn wir ihn darauf reduzieren, uns ein gutes Gefühl machen zu müssen. Die Wahrheit ist: Er ist nicht dazu da, um uns glücklich zu machen. Wir sind für ihn da. Die Freude, die von ihm kommt, ist ein Geschenk, Gnade, Segen und sieht häufig ganz anders aus, als wir uns denken.

Und wenn wir nur einen Funken Ahnung davon haben, wer er ist, dann können wir nicht anders, als auf unsere Knie zu fallen und ihn anzubeten. Weil er Gott ist. Weil er der König ist. Weil er heilig ist.

Und gleichzeitig dürfen wir ihm um den Hals fallen, weil er unser liebevoller und fürsorglicher Vater ist, weil er unser Retter ist, weil er unser Bräutigam ist.

Weil ich überzeugt davon bin, dass er all das ist und noch mehr, deshalb glaube ich an ihn, auch dann, wenn ich mich gar nicht danach fühle.

 

5 Antworten

  1. Liebe Regina! Dieser Artikel könnten vom Sinninhalt meiner sein. Nicht allein wegen der beiden Fehlgeburten, die ich hatte. Vielleicht wegen allem, was sich immer und immer wieder bei mir ereignet. Was ist das eigentliche Leben? Worauf wartete ich? Ich wartete immer wieder neu auf Heilung…. Heilung von meinem Herzfehler (er ist noch da), Heilung von meinem Husten (er ist schlimmer denn je, es folgen neue Eingriffe), Heilung von meinen Verlustängsten (nach wie vor sind sie präsent und immer wieder neu genährt, weil mich liebe Menschen im Leben verlassen), Heilung von meinen vielen vielen körperlichen und seelischen Beschwerden (sie blieben, konnten jetzt immerhin einer Diagnose zugeordnet werden : Lupus und eine PTBS), Heilung meiner Unterbauchschmerzen (in meiner Gebärmutter wächst derzeit was unkontrolliert….) … Gerade als jüngere Frau, so in deinem Alter, war ich mir sicher das alles gut werden würde, wenn ich mal in dem Alter bin, in dem ich jetzt bin. Bis dahin erzog ich 3 Kinder, führte einen Haushalt, arbeitete in einem Minijob und drappierte alles irgendwie um meine Erkrankungen herum. Jetzt bin ich viel zu oft müde… Und an vielen Tagen frage ich mich derzeit auch, ob es einen Gott gibt, ob er es gut mit mir meint, ob mein Gebet, was ich in der Nacht spreche ein Selbstgespräch ist oder in einen Dialog mit meinem Vater mündet…. Herausfordernde Zeiten…und wieder mal bleibt mir gerade “nur” eins…. wohin sonst mit all dem Schmerz…wenn nicht zu ihm…. Alles Liebe und den Segen unseres Gottes, den wir manchmal einfach nicht verstehen… deine Sandra aus dem Sommerzimmer

    • Ganz genau: Wohin sonst mit all dem Schmerz… Es gibt für mich keine Alternative.

  2. Wenn ich mich umschaue in dieser Welt, in der Nachbarschaft, in der eigenen Familie, dann fällt es leicht, an Gott zu zweifeln. Wenn Er doch allmächtig ist?
    Aber David wusste genau, wer hier das Sagen haben will -“ Wie lange noch will der Feind die Oberhand behalten?“ – und wer Gott die Schuld für das Dilemma hier in die Schuhe schieben will.

    Ich kann nicht an einen liebenden Gott glauben, Ihm vertrauen, geschweige denn nachfolgen, wenn mir nicht bewusst ist, dass da ein Widersacher ist, der wirklich alles versucht, um uns abzubringen und …uns umzubringen.
    Es ist so wie bei Jesus in der Wüste. Er sollte springen….’was kann Dir denn schon passieren?’.

    Niemand leidet mehr mit uns an diesem Zustand in dieser Zwischenzeit als unser Herr und Gott. Niemand gibt aus freien Stücken seinen einzigen Sohn, um dem Drama in der Ewigkeit ein Ende zu setzen, so wie Er.
    Wilhelm Busch hat mal gesagt, dass Gott keine Fehler macht. Und das, obwohl sie eins ihrer Kinder beerdigen mussten. Was für ein Statement!
    Es ist dieses göttliche Trotzdem.

    Was hat Jesus versprochen? Was bedeutet Nachfolge? Was heißt das, ein erfülltes Leben zu haben?

    Wir haben die Wahl, wie wir denken wollen. Und es macht schon Sinn zu beten, Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.
    Aber ich glaube, dass wir da nicht unbeteiligt sind, ob sich hier Gottes Wille durchsetzt.

    Es ist nicht einfach, loszulassen.
    Egal zu welchem Zeitpunkt.
    Wir sollten alle die Perle Acker finden. Und Gott bitten, dass Er uns ein neues Herz schenkt und einen neuen Geist in uns legt.
    Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Wie gut!!!

    • Wow, Margrit! Vielen Dank für diese inspirierenden und herausfordernden Gedanken! Ja, wie gut, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist und wir uns auf das ultimative Happy End freuen dürfen.
      Alles Liebe, Regina

  3. Oh Regina, ich sitze hier gerührt und bin dir so unendlich dankbar für deine Worte. Du hast Schweres durchgemacht und Gott hat dir so eine Stärke gegeben, andere dadurch aufzubauen. Du hast mich ermutigt und gestärkt und ich werde ihn noch sicher oft durchlesen.

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