Ich brauche keine Antwort auf mein WARUM

Warum lässt Gott das zu?

Warum?

Das ist sicher eine der am häufigsten gestellte Frage der Menschheit. Und wenn man noch so lange forscht, es gibt keine Gleichung, die dieses Fragestellung logisch erklärt.

Warum sterben Kinder vor Hunger? Warum bekriegen sich die Menschen? Warum werden gute Menschen krank?
Warum musste Samuel sterben?

Ich habe Gott nach dem Warum gefragt. Oft. Warum wir? Warum er?

Aber ich habe keine Antwort bekommen.

Und das ist ok.

Ich brauche keine.

Weil ER die Antwort kennt

Es war kein leichter Weg, um zu dieser Erkenntnis zu kommen.

Nachdem meine kleine Schwester vor sieben Jahren tödlich verunglückt war, drohte meine Welt zusammenzubrechen. Ich verstand nichts mehr. Es dauerte Stunden, bis ich verstand, dass es wirklich wahr ist. Sie würde nicht wieder kommen. Warum sie? Warum so? Das machte keinen Sinn. Sie war doch erst 17. 17-Jährige sterben nicht. Alte Menschen sterben. Kranke Menschen sterben. Nicht meine kleine süße Schwester.

Warum?

Es hat lange gedauert, bis ich wieder beten konnte. Nicht weil ich nicht mehr an Gott glaubte. Ich wusste, er war da. Und ich habe ihn gespürt. Aber ich wollte mich erstmal nicht von ihm trösten lassen.

Es tat zu weh.

Zu tief.

Zu nah.

Ich fühlt mich ohnmächtig.

Das einzige, was mir Hoffnung gab, war das kleine Wesen in meinem Bauch. Ich war schwanger mit unserem ersten Kind.

Ich hatte mich verändert. Ich hörte keine Musik mehr auf dem Weg zum Bibelseminar, an dem ich gerade studierte. Ich wollte nicht verweint ankommen. Und ich wollte allein sein, in Ruhe gelassen werden.

Aber eigentlich nicht, weil ich Angst hatte, die Stille würde zu weh tun.

Wenn ich dann allein zu meinen Freundinnen spazieren ging, gab es jedesmal diesen Moment, in dem ich nicht länger vor Gott weglaufen konnte. Sanft und zärtlich gelang es ihm, die Steine um mein Herz zur Seite zu legen.

Ich fing an zu weinen. Zu Heulen. Dann setzte ich mich auf eine Bank. Und weinte. Und endlich ließ ich Gottes Nähe zu.

Es tat weh.

Und es tat gut.

Diese Nähe war so groß.

Mächtig.

Souverän.

Ja, souverän.

Er sagte zu mir: Ich bin, der ich bin. Ich bin Gott, dein Vater. Dein Fels. Dein Zufluchtsort. Alles ist in meiner Hand. Ich habe einen guten Plan. Denn ich bin gut. Ich bin Liebe. Vertrau mir. Ich kenne die Antwort.

Er kennt die Antwort. Er kennt sie.

Und deshalb muss ich es nicht.

Ich kann es nicht.

Er ist so groß. So unfassbar. Er ist weise.

Und er ist gut.

Er ist vollkommen gut.

Und er weiß, was er tut. Er weiß es.

Das reicht.

Weil ich die Antwort nicht verstehen würde oder es gar keine gibt

Etwa ein halbes Jahr nach Samuels Tod besuchte ich ein Trauerseminar mit den beiden Dozenten des Bibelseminar Bonn Eduard Friesen und Ursula Häbich. Eduard sagte etwas, bei dem ich dachte: Ja, das ist es! Genauso ist das! Deshalb ist es so schwer, zur Ruhe zu finden.

Er sagte: „Das, was am Tod so wehtut, ist, dass er sinnlos ist.“

Wie willst du etwas erklären, das sinnlos ist?

Aber dann ist da ja noch das Warum-Wir? Gibt es darauf eine Antwort?

Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass Gott den Tod gar nicht wollte. Er hat eine vollkommen heile Welt geschaffen. Wir Menschen haben uns aber gegen Gott entschieden und der Tod ist die Folge dessen. Gott ist nicht der Schuldige.

Er ist der Gnädige.

Denn er hat einen Ausweg geschaffen. Und er lässt trotz Schmerz oder gerade mitten im Leid Gutes wachsen. Das ist Gnade. Das ist wahre Liebe.

Warum es nun unseren Samuel getroffen hat? Die Antwort auf diese Frage würde ich doch gar nicht verstehen. Ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube nicht, dass die Natur einen Fehler gemacht hat, wie meine Frauenärztin in ihrer Hilflosigkeit erklärte. Ich glaube auch nicht, dass wir besonders stark sind, um das zu ertragen und Gott uns deshalb ausgewählt hat. Was ich glaube?

"Denn ich weiß genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe´, spricht der Herr. `Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft undHoffnung." (Jeremia 29,11, NL)

"'Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken', sagt der Herr, 'und meine Wege sind nicht eure Wege. Denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so viel höher stehen meine Wege über euren Wegen und meine Gedanken über euren Gedanken.'" (Jesaja 55,8-9, NL)

Weil ich keine Antwort will

Es gibt keine Antwort, die mich zufrieden stellen würde. Es gibt nichts, das mich dazu bringen würde, meinen Sohn freiwillig herzugeben. Und deshalb will ich keine Erklärung, die ich dann annehmen müsste. Das würde ich nicht ertragen.

Eine Freundin sagt mal zu mir, als sie schwanger war, sie hätte Angst, dass ihr Kind sterben würde. Vielleicht damit jemand anderes zu Gott findet. Und sie hat gebetet, dass Gott ihr Kind nicht nimmt, auch nicht für die Errettung eines anderen Menschen.

Ich glaube nicht, dass Gott so denkt. Gott hat viele unterschiedliche Wege, um einen Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Es ist zu einfach gedacht.

Aber machmal hören wir von andere Menschen irgendwelche Erklärungsversuche. Sie klingen alle wie Spott in meinen Ohren. Wir sollten akzeptieren: Es gibt keine Erklärung, die Eltern über den Tod ihres Kindes trösten würde. Es gibt keine.

Und ich will keine Erklärung.

Ich will keine Antwort auf mein Warum.

Trotzdem darf ich fragen

Mein Warum ist Ausdruck meiner Sehnsucht nach meinem Kind. Heute ist es nicht mehr so laut. Und doch ist es immer mal wieder da.

Warum läuft hier kein zweijähriger Junge durch unsere Wohnung?

Warum kann ich ihn nicht in den Arm nehmen?

Warum?

Ich vermisse ihn und es ist unerklärlich, dass er nicht da ist, dass ich nicht zu meinem Kind kann.

Und das lässt mich manchmal verzweifeln und fragen:

Warum?

Warum…

Und Gott legt den Arm um mich und sagt: Ich bin da. Ich versteh dich. Ich bin da.

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Diese Bilder von Samuel und mir sind an einem Sonntag entstanden. Es war ungewöhnlich ruhig auf der Station. Ich hatte meine Kamera dabei, die oft nur unbenutzt neben seinem Bettchen lag. Doch diesmal machte ich Bilder davon, wie Schwester Verena ihm die Flasche gab - und er schaffte es, einen Großteil seiner Portion zu trinken! Ich kenne nicht mehr viele Namen, aber Schwester Verena hab ich nicht vergessen. Sie hat dann diese Bilder von meinem kleinen Vogel und mir gemacht. Sie sind ein Schatz für mich.

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  1. […] (Über das Warum habe ich in einem anderen Artikel ausführlicher geschrieben: Ich brauche keine Antwort auf mein Warum) […]

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