Keine Schultüte für Samuel

Diese 54 Tage

(Diesen Artikel habe ich vor zwei Wochen geschrieben, aber ich habe etwas Zeit gebraucht, um ihn zu veröffentlichen.)

Alle, die mein Buch "Viel zu kurz und doch für immer" bereits gelesen haben oder mir schon länger folgen, wissen, dass der Sommer jedes Jahr eine ganz besondere Zeit für mich ist. Es sind die Tage von Samuels Geburtstag bis zu seinem Todestag. 54 Tage. Hier schreibe ich mehr darüber.

Meine Freundin Nati fragte mich vor einigen Wochen, wie es mir in diesem Sommer ging, und ich antwortete ihr ehrlich, dass es diesmal leichter war als in den Jahren zuvor. Lag es an der Ablenkung, die wir durch die Baustelle hatten, die sich inzwischen zu einem richtigen Zuhause entwickelt hat, oder am Stress der letzten Schulwochen vor den Ferien? Ich wusste es nicht.

Es sollte eigentlich alles ganz anders sein

Doch wenn ich heute darüber nachdenke, hat es sich schon vor ein paar Wochen abgezeichnet, dass mir die dunklen Tage noch bevorstehen würden. Immer wieder wurde mir bewusst: Samuel braucht keine Schultüte.

Eigentlich säßen wir jetzt in der Kirche umringt von anderen Eltern im Gefühlschaos, schwankend zwischen Stolz und Bangen. Eigentlich sollte Samuel zwischen all den anderen Erstklässlern sitzen, mit buntem Ranzen und schwerer Schultüte, ganz aufgeregt, was da wohl drin sein mag. Eigentlich sähen wir ihm heute dabei zu, wie er seiner Klassenlehrerin und seinen Klassenkameraden in den Raum folgen würde, in denen er in den nächsten Jahren wichtige und belanglose Dinge lernen würde. Ich würde mit meinem Kloß im Hals kämpfen, gegen die Tränen verlieren, sie jedoch hinter meiner Kamera verstecken, die ich jede Sekunde auf ihn gerichtet halte. Eigentlich sollte es genau so sein.

Doch das ist es nicht.

Egal, was du mir nimmst?

Die sieben Erstklässler unserer Gemeinde wurden am Sonntag vor ihrer Einschulung im Gottesdienst gesegnet. Ben und Hannah durften wieder mit einigen anderen Kindern die Anbetungszeit anleiten. Ben singt die zweite Stimme. Hannah versucht, ihr aufgeregtes Grinsen zu verbergen, indem sie ihre Lippen aufeinander presst. Und dann geht es über in die Bridge:

Egal, was du mir gibst, egal, was du mir nimmst,
du bist und bleibst mein Gott, nur dir gehört mein Lob.

"Die gehört mein Lob" von Michael Janz

Zu hören, wie meine Kinder diese schweren Worte, die wir oft so unbedacht trällern, an den Gott richten, der diesen Tag mit ihrem kleinen Bruder im Himmel feiert, hat mich sehr aufgewühlt. Ich war stolz und gleichzeitig traf mich ein heftiger Schlag.

Es tut so weh. Keine Einschulung. Keine Schultüte für Samuel.

Und dennoch glauben wir. Dennoch bleibt er unser Gott. Ihm gehört unser Lob.

Will ich wirklich über's Wasser laufen?

Wenn ein Mensch durch die dunklen Täler gegangen ist und langsam wieder ins Leben hineingefunden hat, kann er dann wirklich noch singen:

"Führ mich dorthin, wo ich unbegrenzt vertraue.
Lass mich auf dem Wasser laufen,
Wo immer du mich hinführst.
Führ mich tiefer als ich selber jemals geh'n kann,
Dass ich fest im Glauben stehe
In der Gegenwart des Retters."

"Oceans" von Hillsong United
Ben spielt das Lied "Oceans" auf seiner Geige vor.

Will ich wirklich wieder über's Wasser gehen müssen? Will ich wieder in die Tiefe hinabgerissen werden? Was ist, wenn Gott mich beim Wort nimmt und neue Herausforderungen schickt? Will ich das wirklich?

Um ehrlich zu sein: Nein. Das will ich nicht. Ich will es nicht schwer haben. Ich bin müde. Ich will Leichtigkeit, Gelassenheit, Lachen. Ich will nie wieder durch eine so harte Zeit gehen.

Doch wenn ich mich entscheiden muss, wenn Jesus sagt: "Steig aus dem Boot!", dann will ich es tun. Ich weiß nicht, ob ich direkt beim ersten Rufen den Glauben dazu haben werde. Aber ich bete, dass ich trotz Wind und Wellen die Sicherheit des Bootes verlasse. Und auch wenn ich die Tiefe gerissen werden sollte, darf ich erleben, wie Jesus mir seine Hand entgegenstreckt und mich hält. Dann gehen wir zusammen über das tobende Wasser und ich erfahre erneut, dass genau dort wahre Leichtigkeit und echtes Lachen zu finden sind. Genau dort. In der Tiefe. In der Weite des Meeres. Weil ich dann nicht selbst versuche, das Glück zu finden, sondern mich an den klammere, der die Liebe selbst ist. Gibt es einen schöneren Ort?

Ganz egal, wie hoch die Wellen um mich schlagen oder wie tief mich das Wasser hinabzureißen droht, ich bin an der Hand meines Retters sicher und geborgen. Ich muss sie lediglich ergreifen. Wegsehen von dem, was mir Angst macht, hin zu dem, der mein Glück ist.

Du gibst mir alles, was ich brauche

Ich wollet nicht, dass meine Kinder mich sehen und an alte Zeiten erinnert werden. Also schloss ich mich im Badezimmer ein, es war der Tag nach diesem Gottesdienst. Immer wieder zog ich mich hierher zurück. Da stand ich nun, suchte Halt an der Wand. Auf einmal hörte ich hin auf das, was Lauren Daigle mir aus den Lautsprechern meines Handys zurief:

When I can't see, You lead me
When I can't hear, You show me
When I can't stand, You carry me
When I'm lost, You will find me
When I'm weak, You are mighty

You give me everything
You give me everything
You give me everything I need

(Lauren Daigle "Everything)

Ich habe nicht alles, was ich will. Aber ich habe alles, was ich brauche, und noch mehr. Ich habe das, worauf es ankommt. Auch wenn ich immer wieder sagen möchte: Das stimmt nicht. Ich kann nicht ohne mein Kind leben. Doch das kann ich. Seit sechs Jahren tue ich es. Mal mehr mal weniger erfolgreich. Aber ich lebe. Und ich bin beschenkt.

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