Mami allein on Tour in 3 Kapiteln

Ich wollte es genießen. Habe es mir fest vorgenommen.

Wann hatte ich zum letzten Mal durchgeschlafen? Wie lange ist es her, dass ich Zeit hatte, um zu reflektieren, zur Ruhe zu kommen und mich neu auszurichten?

Lesen wollte ich, hab zwei Bücher mitgenommen. Zusätzlich zu meiner Bibel. Und den Laptop für den Fall, dass ich zum Schreiben kommen würde.

Aber sollte ich wirklich fahren? Konnte ich meine Lieben zweieinhalb Tage allein lassen? Wie würde Emmi damit umgehen? Ich musste erstmal einen Babysitter für sie organisieren... Alles zu kompliziert, warum hab ich das bloß getan?!

Aber es gab kein Zurück. Schließlich hatte ich mich auch meiner zweiten Schwester als Hochzeitsfotografin angeboten. Ok, aufgedrängt trifft es wohl eher 😉

Kapitel 1: Staunen

Donnerstagvormittag ging es los.

Ich saß im Auto und entfernte mich Kilometer um Kilometer von meiner Familie. Ich fühlte mich einwenig verloren. Als würde ein großer Teil meiner selbst fehlen.

Noch einmal der Entschluss: Ich werde es genießen.

Und da kam auch schon der erste Kuss von Gott, so als wollte er mich daran erinnern, dass ich auch ohne meinen Liebsten und die Süßen nicht allein bin: Die Autobahn war umrahmt von wildem roten Mohn.

Voll kindlichen Staunens saß ich im Auto und saugte diese Schönheit in mich auf.

Wir hielten an einem Parkplatz und ich bekam den Drang, durch die bunte Blütenpracht verschiedener Wildblumen zu laufen. So könnte mein Traumgarten aussehen.

So viel Schönheit neben einem Toilettenhäuschen.

Wieder im Auto sah ich gespannt wie ein kleines Kind aus dem Fenster. Und dann fragte ich mich, wie viele der unzähligen Menschen, die hier lang fahren, all diese Geschenke wahrnehmen.

Nach etwa fünf Stunden wurde ich mit einem "Grüß Gott" in meinem Gasthaus begrüßt. Stimmt, wir waren ja in Bayern. Ich musste grinsen.

Mein Zimmer war klein, aber sauber und gepflegt. Dieser Abend gehörte mir. Doch wie sollte ich lesen, schreiben, nachdenken oder was auch immer mit einem Loch im Bauch? Es dauerte noch eine ganze Stunde, bis es etwas zu Essen gab und ich hatte schrecklichen Hunger!! Also sprang ich von einem Fernsehkanal zum anderen in der Hoffnung, etwas halbwegs Spannendes zu finden, das mich ablenken würde. Aber Fehlanzeige. Ich zählte jede Minute runter.

Endlich konnte ich mir den Bauch voll schlagen. Und dann wollte ich...ja was eigentlich? Mal sehen. Erstmal musste ich mich irgendwie warm kriegen. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich beim Essen durchgefroren war. Ab unter die Decke und warten. Warten. Bis mir endlich die Idee kam, mich unter die warme Dusche zu stellen.

Jetzt aber!

Ich las das Buch weiter, das ich schon während der Fahrt begonnen hatte: Leben ist das neue Sterben von Johanna Klöpper.

Und dann fielen mir auch schon die Augen zu.

Kapitel 2: Ganz viel Liebe

Ich konnte durchschlafen. Und ausschlafen!

Nach dem Frühstück kontrollierte ich meine Kameratasche und dann ging es los auf die Burg Wernberg.

RN_14271

RN_13174

RN_13169

RN_13182

RN_13185

RN_13159

RN_13187

RN_13190

RN_13198

RN_13207

Eine traumhaftes Ambiente für eine Hochzeit. Meine Schwester im Prinzessinnenkleid. Ihr Traummann wartet in der kleinen, bezaubernde Kirche auf sie.

Fotos, Empfang, Fotos, Kuchen, Fotos.

RN_13260 RN_13264 RN_13268 RN_13270  RN_13274 RN_13378 RN_13448 RN_13483 RN_13558 RN_13575 RN_13616    RN_14177 RN_14190 RN_14193
RN_14418
RN_14531 RN_14532 RN_14544 RN_14556

Währen die beiden am Abend ihr 8-Gänge-Menü genossen, wollte ich die Pause in meinem Gasthaus genießen. Als ich mich auf mein Bett setzte, bemerkte ich, wie erledigt ich war. Das war richtig Arbeit! Da ich nicht erwartet hatte, dass das Essen des Brautpaares drei Stunden dauern würde, verbrachte ich diese Zeit im Wartemodus, weil die beiden später noch ein paar Bilder machen wollten. Ok, es war der Wunsch der Braut, aber der Bräutigam beschwerte sich mit keinem Wort.

RN_14687

Als ich dann Feierabend hatte, fiel ich erschöpft ins Bett, um 7 Stunden später wieder aufzustehen, weil ich meinen Zug erreichen wollte. Ich fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof, mit Mühe und einwenig Interpretationsbegabung folgte ich den Erzählungen des Taxifahrers, wie seine Traumhochzeit aussehen würde.

Kapitel 3: Gemeinsam traurig

Die Zugfahrt war lang, wirklich lang. Ich hatte mich auf diese 5 Stunden gefreut, aber wieder fühlte ich mich total erschlagen und kaputt. Hatte Mühe, meine Augen offen zu halten. Es war eng und unbequem.

Das war also mein Ausflug allein. Zu müde und zu beschäftigt, um aufzutanken. Ganz stimmt das nicht, denn zwischendurch habe ich lesen, beten und träumen können. Obwohl es hier um die Hochzeit meiner Schwester ging, hatte ich mir etwas mehr für mich erhofft, muss ich zugeben. Aber ok, hauptsache ich erreiche meinen Anschlusszug, um rechtzeitig zu Hannahs Ballettaufführung da zu sein ...

Aber wieder einmal wurde ich von meinem Papa im Himmel überrascht.

Für die letzten eineinhalb Stunden setzte sich eine ältere Dame neben mich. Ich hatte mich eigentliche gerade darüber gefreut, dass mein Sitznachbar ausgestiegen ist und ich mehr Platz hatte. Doch diese Frau hatte den Platz, auf dem ich saß, reserviert, also nahm ich den gerade frei gewordenen Sitz.

Die Frau war höflich, aber auf den ersten Blick schien sie ernst und streng zu sein.

Wir kamen dennoch ins Gespräch. Sie ist in Bonn aufgewachsen und kannte all die schönen Burgen, an denen wir vorbeifuhren (...). Geboren ist sie in Niedersachsen, wo ich aufgewachsen bin. Sie war auf dem Weg nach Hamburg zu ihrem Sohn und seiner Familie.

Und dann fügten sich alle Puzzleteile zusammen:
Vor zwei Wochen ist ihr Mann ganz plötzlich gestorben. Zwei Wochen! Tränen traten in ihre Augen. Ihre Finger spielten nervös mit ihrer Tasche. Aber sie blieb gefasst. Ihren Blick in die Ferne gerichtet erzählte sie mir ein wenig von ihrem Leben, das nun nicht mehr dasselbe war.

Ich war kurz davor, ihr zu sagen, dass ich weiß, was Trauer ist. Aber ich ließ es erstmal, weil ich weiß, dass jede Trauer unterschiedlich ist und ich nicht ausdrücken wollte, dass ich sie verstand. Denn ich weiß nicht, wie es ist, den Ehemann nach 40 Jahren zu verlieren.

Aber dann kamen wir auf das Thema Leid im Allgemeinen zu sprechen und da sagte ich es doch. Als ich ihr dann auch noch erzählte, dass ich Theologie studiert hatte und eine Ausbildung zur Lebensberaterin mache, meinte sie: "Na, da habe ich mich ja neben die Richtige gesetzt."

Zufall?

Nein. Ganz sicher nicht.

Ein Geschenk. Für uns beide.

Es war wie ein gemeinsamer tiefer Seufzer, ohne (Selbst-)Mitleid. Einfach traurig sein. Und trotzdem Frieden spüren.

Manchmal ärgere ich mich über mich selbst. Ich kenne nicht einmal den Namen dieser Frau, die mich wirklich fasziniert hat. Eine freundliche, starke Frau. Gebrochen und doch zuversichtlich.

Während unseres Gesprächs hätte ich ihr am liebsten noch mehr Trost zugesprochen. Ich hätte gerne für sie gebetet. Aber ich weiß selbst, dass man nicht zugetextet werden möchte.  Also habe ich nur da gesessen, zugehört, Schweigen ertragen und ab und zu ein paar Worte gesagt.

Es fühlte sich ungenügend an. Und doch hatte ich den Eindruck, dass es ihr gut tat, so wie es war. Ich kann ihren Schmerz nicht durch meine Worte lindern, egal wie viel Wahrheit darin steckt. Diese Erwartung hält viele Menschen davon ab, überhaupt etwas zu sagen und ganz ehrlich: Das ist das allerschlimmste für mich gewesen damals. Alles, was diese Frau brauchte, war jemand, der sie aushielt, ihre Geschichte, ihren Schmerz, ihre heiteren Ausführungen über Burgen und Kloster, ihre Tränen und ihr Schweigen.

Mama allein on Tour.

Mein Fazit:

  • Wenn ich Ruhe allein brauche, sollte ich zu Hause bleiben und die anderen wegschicken.
  • Schönheit ist auch wirklich überall zu finden.
  • Ich habe den besten Ehemann, den es gibt. Er hat alles wunderbar hinbekommen.
  • Auftanken bedeutet für mich nicht immer allein sein, auch wenn es sehr wichtig für mich ist. Es bedeutet viel mehr, am richtigen Ort zu sein. Und das war ich.

6 Antworten

  1. ….ich danke dir für deinen “bericht” der mich wieder einmal bewegt hat…..auch wenn du den namen der dame nicht hast, gott weiß ihn…..
    lg
    annette

    • Danke, Annette, es ist wirklich wunderbar, einen so guten und souveränen Gott zu haben, der jedes Menschenherz kennt.
      Liebe Grüße, Regina

  2. Das sind traumhafte Bilder, liebe Regina! Wie warm und zart alles aussieht. So schön. Und danke, dass du uns immer so tief in dein Herz sehen lässt. Es berührt mich immer wieder. Liebste Grüße

    • Danke Anita! Bei der Umgebung was es wirklich einfach, schöne Bilder zu machen 🙂

  3. Die Bilder sind wunderschön.
    Aber viel mehr bewegt mich zu lesen, dass Du aus Deiner sehr traurigen Erfahrung viel Weisheit geschöpft hast. Mit wieviel Liebe und Weisheit Du wusstest, wann schweigen und reden dran sind.
    Gott hat Dich gesegnet und zum Segen werden lassen.
    Ein Kapitel, was man manchmal nur durch persönliche Erfahrungen durchschreitet und lebt.
    Und wanderte ich durchs finstere Tal, so bist Du bei mir. Sagt sein Wort.
    Darum können wir leben und lernen.
    Ich mag Deinen Blog… so ehrlich und alltagsnah. Ganz abseits der Blogs wo es nur um Perfektion und Beliebtheit geht…
    Danke, dass Du es teilst.
    Unbekannte Grüße,
    Tina

    • Liebe Tina, vielen Dank für deine unbekannten Grüße und deine lieben, ermutigenden Worte! Auch wenn ich mit so einiges anders ausgesucht hätte, bin ich sehr dankbar für das, was ich lernen durfte.
      Ja, Psalm 23 hat es in sich.
      Alles Liebe, Regina

Einen Kommentar schreiben

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.