Mein Geburtstagsbrief an Samuel

... und warum wir das Leben feiern

Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe

Mein kleiner Samuel,

in der verganegnen Woche musste ich immer und immer wieder an diesen Moment denken. Wie lange ich drauf gewartet hatte. Schon seit ich den zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest gesehen habe und dann voller Freude in die Arme deines Papas gesprungen bin. Die nächsten Monate waren von Vorfreude und Sehnsucht geprägt. Und dann mischten sich unsere großen Sorgen um dich unter, die es aber nicht schafften, uns die Spannung auf unsere erste Begegnung zu nehmen.

Dieser Moment kam früher, als wir alle gedacht hatten. Plötzlich hieß es: „Wir wollen das Baby holen. JETZT!“ Sie warteten nicht einmal, bis Papi bei uns war. Doch es ging dir nicht gut. Dein Herzschlag war so langsam, dass ich dachte, ich würde dich schon verlieren. Dann plötzlich holten sie dich samt Mutterkuchen aus meinem Bauch und brachten dich weg. - "In die besten Hände", sagten sie. Die Kinderärzte kümmerten sich um dich, während ein Engel deine Hand hielt, weil ich es nicht konnte.

Endlich kam dein Papa. Er durfte dich als erster sehen. Er sagte mir, es ginge dir gut und fügte hinzu: „Er ist so klein.“ Zweieinhalb Stunden dehnten ihre Sekunden. Ein Polaroid und ein paar Zahlen mussten mir fürs Erste reichen. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, die Betäubung half mir dabei, machte mich müde.

Dann… Dann endlich rollten sie mein sperriges Bett über den Krankenhausflur in deine Richtung. Und da lagst du. Durch den Deckel des Inkubators sah ich deinen klitzekleinen Körper, der bequem auf einem Kissen gebettet war, das wie ein Mini-Stillkissen aussah. Du hattest eine Maske über der Nase, die dir beim Atmen half. Da war dieses Rauschen der Luft, das Piepen der Apparate und der stechendes Geruch des Desinfektionsmittels. Papi schüttete mir etwas davon auf meine Hände. Ich versuchte, mich zu drehen, um wenigstens eine Hand auf deinen Rücken zu legen, der sich in schnellem Takt hob und senkte. Nur meine Fingerspitzen schafften es, etwas von deiner flauschigen Haut zu berühren.

Mein Baby. Endlich war ich bei dir. Ich begann zu weinen. Vor Freude, Erleichterung und Traurigkeit. Ich wollte dich halten, dich küssen, dich mitnehmen. Dieser kurze Moment, diese eine Berührung sollte mir für die nächstens Stunden reichen? Wie könnte ich dich hier allein lassen?

Doch schon schoben sie mich wieder weg. Weg von dir.

Aber du warst am Leben, mein kleiner Sohn. Ich würde dich wieder besuchen. Ich würde dich bald halten und küssen.

Doch heute.

An deinem 5. Geburtstag.

Heute kann ich es nicht.

Heute sehe ich in den Himmel und stelle mir stattdessen vor, wie Jesus dich fest an sich drückt und du deine nicht mehr ganz so kleinen Arme um seinen Hals legst. Du fühlst dich wohl und geborgen. Alles ist vollkommen.

Du bist glücklich. Und das lässt auch mich lächeln.

Danke, dass du eine kleine Weile bei uns warst, kleiner Vogel.

Bis bald!

Für immer deine Mama

(Die Bilder sind nicht direkt nach Samuels Geburt entstanden, sondern in den Tagen danach. Weiter unten erzähle ich euch noch, wie wir seinen 5. Geburtstag verbracht haben und warum die Hoffnung stärker ist als die Sehnsucht.)

Diesmal ohne Kerzen

In diesem Jahr war alles anders. Ich hatte euch ja schon erzählt, wie wir diesen besonderen Tag normalerweise begehen. Doch an diesem 9. Juni häuften sich die Termine, auf die wir keinen Einfluss hatten. Wir waren den ganzen Tag unterwegs: Generalprobe für das Musical am Sonntag, Schulfest inkl. Aufbau und am Abend war Ben bei seinem Freund zum Geburtstag eingeladen. Es blieb keine Zeit außer für ein kurzes Happy Birthday und die Girlande am Fenster. Neue Blumen für das Grab haben wir auch noch schnell besorgt.

Am Tag darauf fand schließlich das Musical statt, für das Ben und Hannah zusammen mit anderen Kindern aus unserer Gemeinde schon monatelang geprobt hatten. Es war großartig! Alex Eltern waren gekommen und wir hatten noch einen schönen Nachmittag zusammen. Emma hatte vorgeschlagen, dass wir einen Erdbeerkuchen für Samuel backen und das haben wir dank gekauftem Boden auch geschafft, doch ich hatte nicht mehr genug Kerzen da. Und so musste nicht nur unser traditionelles Picknick ausfallen, sondern auch das Kerzenauspusten.

Keine richtige Feier für unseren Samuel. Ich möchte gar nicht, dass wir den ganzen Tag traurig zusammen sitzen und darüber nachdenken, wie sehr er uns fehlt. Aber uns bewusst Zeit nehmen, um an sein Leben zu denken, das wäre schön gewesen. Das holen wir noch nach.

Was wir nie hatten

Samuels Geburtstag ist, wie ich schon häufiger geschrieben habe, ein Grund zu feiern. Weil er einen Geburtstag hat. In diesem Jahr haben mich die Erinnerungen an seine Geburt und unsere erste Begegnung eingeholt, weil wir in der Woche davor immer mal wieder über Babys gesprochen hatten und Emma sich in meinen Arm gekuschelt hatte, weil ausnahmsweise mal ich die Mama "spielen" durfte. Das alles in Zusammenhang mit Samuels Geburtstag hat mir wieder einmal so deutlich vor Augen geführt, was ich alles nicht mit ihm hatte. Und das tat weh. Es tut weh.

Wir feiern das Leben

Aber größer als die Sehnsucht ist die Hoffnung.
Valerie Lill singt "Die Hoffnung lebt zuletzt".

Genauso ist es. Die Hoffnung lebt.

Die Hoffnung auf was? Auf ein Wiedersehen?

Ja, auch.

Die Hoffnung, dass es ihm jetzt gut geht?

Auch das.

Aber noch viel mehr geht es hier um eine Hoffnung, die mich auch im Angesicht des Todes das volle Leben spüren lässt. Hier und jetzt.

Da ist zwar Traurigkeit. Aber auch so viel Freude. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern im Gegenteil. Die Freude schließt die Traurigkeit in sich hinein und wird durch sie umso tiefer, intensiver, lebendiger.

Wir feiern das Leben.

Samuels. Aber auch das unsere.

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1 Antwort

  1. Regina, Danke fürs teilen deiner Gedanken! Mich ermutigt daran immer wieder wie bewusst und intensiv ihr das leben feiert und dabei so ein schönes Bild von Familie malt.
    Es inspiriert mich, es euch gleich zu tun und jeden Moment einzufangen und zu genießen! ❤️
    Danke!

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