Trauer in der Weihnachtszeit

Es passierte im Kaufhaus.

Mitten im bunten Treiben der Vorweihnachtszeit im November 2013 überfiel es mich unerwartet und unvorbereitet.

Es hätte mir doch bewusst sein müssen. Aber das war es nicht. Ich wollte es nicht.

Fröhliche Lieder, Lametta und funkelnde Lichter.

Und mittendrin war ich in meiner dunklen Wolke.

Was tat ich eigentlich hier? Ich gehörte nicht hierher.

Das wurde mir mit einem Male bewusst:

Wir feiern Weihnachten ohne ihn.

 

Seit bald vier Monaten waren wir nun ohne unseren Samuel. Wir versuchten, wieder in unser Leben zu finden, noch nicht wissend, dass es das Leben, wie wir es kannten, nicht mehr gab. Weihnachten stand vor der Tür. Ein fröhliches Fest. Geschenke und Heiterkeit.

Da stand ich nun in diesem Kaufhaus und versuchte, mich irgendwie auf den Beinen zu halten. Mein Herz pochte viel zu schnell, ich schnappte nach Luft und spürte sie nicht in meinen Lungen ankommen. Ich war allein. Alex war mit den Großen unterwegs und ich war allein. Isoliert und einsam. Weil niemand wusste, niemand ahnte, dass ich vollkommen auseinandergebrochen war. Ich sah aus wie eine von ihnen. Doch das war ich nicht. Ich war allein. Ich fühle mich allein. Nicht sehend, dass um mich herum noch andere dunkle Wolken waren. Einsam und zerbrochen.

Wie hatte ich es nur verdrängen können? Wir werden Weihnachten ohne Samuel feiern müssen. Feiern - wie sollte das überhaupt noch gehen?

Mir wurde bewusst, dass er im Jahr zuvor an Weihnachten bei uns war. Klitzeklein und wohl behütet in meinem Bauch. Wir haben darüber geredet, dass er beim nächsten Mal bei uns am Tisch sitzen würde. Doch wir hatten uns geirrt. Er würde nie mit uns am Tisch sitzen. Nicht hier auf der Erde.

Ich kämpfte mit den Tränen und wehrte mich gegen einen Zusammenbruch. Die Tränen bahneten sich ihren Weg. Alex fand mich aufgelöst und durcheinander vor.

Wir kauften dann spontan eine wunderschöne Weihnachtskugel mit einem Vogel und einen goldenen Glitzervogel für unseren Baum. Der Vogel blieb nun unser Symbol für unseren kleinen Sohn, der so schnell davon geflogen war. Jedes Bild eines Vogels, jede Feder auf dem Weg waren wie tröstende Küsse auf unseren verweinten Wangen.

Schon früh haben wir gemerkt, dass in Momenten tiefer Freude die Trauer um unseren geliebten Menschen mitschwingt. Wir möchten diese besonderen Augenblicke und Tage wie Weihnachten mit ihm teilen. Doch das können wir nicht. Deshalb wird der Schmerz in dieser Zeit wieder intensiver.

Ich möchte euch erzählen, wie wir unseren kleinen Samuel in unsere Weihnachtszeit einbinden. Diese Traditionen geben uns einwenig das Gefühl, diese besondere Zeit mit ihm zu teilen.

  1. Diese Kugel mit dem Vögelchen hängten wir von nun an immer oben, gut sichtbar an unseren Weihnachtsbaum. Nur in diesem Jahr nicht. Wir müssen sie im letzten Jahr so sorgfältig weggeräumt haben, dass wir sie nicht wiederfinden. Das macht mich echt traurig. Aber der Glitzervogel hält die Stellung.
  2. Wir schneiden einen Zweig von unserem Baumes ab, einen von oben, den man gut sieht. Den Zweig legen wir dann auf den Grabstein. So ist einerseits ein Teil unseres Baumes an seinem Grab - auch wenn Samuel nichts davon hat. Aber vor allem sieht man unserem Baum an, dass ihm etwas fehlt, so wie uns. Diese Tradition ist inspiriert worden durch ein Buch über Trauer.
  3. Auf das Grab pflanzen wir jedes Jahr ein kleines Tannenbäumchen. Das war eine spontane Idee, während eines Besuches in einem Gartengeschäft. Im letzten Jahr haben wir entdeckt, dass Bügelperlen daran aussehen wie kleine Baumkugeln. Nun haben wir in diesem Jahr kleine Ornamente aus den Bügelperlen geformt. Das war noch schöner, da wir gemeinsam etwas tun konnten, bei dem wir bewusst an Samuel gedacht haben.
  4. Bevor es zum Gottesdienst geht, fahren wir an Heilig Abend zum Friedhof und besuchen Samuels Grab. Das ist uns an diesem Tag besonders wichtig, damit er Teil unserer Feier sein kann.

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Diesen Basketball hat der Papi für ihn gebastelt 🙂

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Emma fühlt sich an diesem Ort total wohl. Seit sie gehen kann, möchte sie immer auf das Grab treten und sich mitten drauf setzen. Hier sucht sie nach den Weihnachtsanhängern für den Baum, während sich die Großen die Urnengräber hinten ansehen. Später hörten wir unser einjähriges Mädchen von "Urnengräbern" reden. Sie hat einen ganz interessanten Wortschatz.

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Weihnachten ist und bleibt für uns ein Fest der Freude, trotz Schmerz, trotz Verlust. Wir feiern, dass wir etwas empfangen haben - jemanden. Wir sind unendlich beschenkt.

1 Antwort

  1. Jesus kam zur Erde,
    auf das Friede werde.

    Friede in unseren Herzen voll Trauer und Verlust.
    Friede in Seelen voller Schmerz.
    Friede in Familien, wo Leid hereingebrochen ist.

    Ich kenne auch Leid. ANDERES Leid und schlimme Erfahrungen, wonach das Leben nie mehr ist wie es war. Aber durch den Frieden Jesus kann dieses Leid Trost empfangen, auch wenn Narben nie heilen und auch ab und an aufbrechen. Durch Jesus Gnade kann ich meinen Blick vom Leid wenden, um mit Kraft daraus Erfahrung zu schöpfen und aufblicken, zu dem, der zerschlägt und verbindet.

    Mir geben Verse aus Römer oft neuen Mut. Römer 5, 3-6:

    Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt; Geduld aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.

    Gott segne Euchin Eurer Weihnachtszeit. Ein schmerzlicher Gedanke an Samuel, aber auch Trost, denn er feiert Weihnachten in der Ewigkeit. Welch ein Ziel für uns alle, was wir ohne schmerzliche Erfahrung zu oft aus den Augen verlieren (zumindest ich).

    Tina

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