Vom Sehnen und Loslassen

Trauer ist mein Thema

Das hat nichts damit zu tun, dass wir uns in unserer Trauer vergraben oder nicht zurück ins Leben finden. Im Gegenteil: Wir führen ein unbeschwertes, glückliches Leben, samt Alltagsherausforderungen, mal groß, mal klein. Unser Leben ist nicht von Trauer geprägt, aber die Lücke, die Samuel hinterlassen hat, bleibt.

Schöne Erinnerungen

Im April waren wir zum ersten Mal nach bald drei Jahren wieder im Krankenhaus, das Samuels Zuhause war. Insgesamt lag er auf drei unterschiedlichen Stationen, wobei #2 und #3 in der Kinderklinik Bonn waren: Intensiv Oben und Intensiv Unten.

Wir waren dort. Ich war sehr gespannt, wie wir es empfingen würden, an den Ort zu kommen, mit dem wir ganz intensive, wunderschöne Erinnerungen verbinden, aber auch Bangen, Sorgen und Schmerz.

Ich war aufgeregt, den ganzen Tag schon. Und dann….

War es schön.

Es war wirklich schön, wieder dort zu sein. Die Räume zu sehen. Schwestern zu treffen, die sich um ihn gekümmert hatten. Dankbarkeit und Frieden. Kein Schmerz. Noch nicht mal ein Zurücksehnen nach dieser Zeit. Wir vermissen Samuel und hätten ihn gern bei uns. Aber diese Krankenhauszeit gehört der Vergangenheit an.

Es ist ein schönes Stück Vergangenheit, das ist mir nun klar geworden.

Samuel hat seinen Platz bei uns

Warum schreibe ich von Trauer? - Eigentlich weil mir kein anderes Wort einfällt.

Ich bin der Meinung, dass die Trauer um einen geliebten Menschen nie aufhört. Und das muss sie auch nicht. Denn der Mensch wird nicht ersetzt. Aber ist es wirklich Trauer? Trauer wie Traurig?

Wir sind nicht immer traurig, wenn wir an Samuel denken. Wir reden gern über ihn, tun es aber nicht ständig. Er ist ein wichtiger, schöner Teil unseres Lebens. Und deshalb hat er seinen Platz in unserer Familie.

Immer wieder werde ich gefragt, wie viele Kinder ich habe - wie wohl jede Mutter. Vor dieser Frage hatte ich im ersten Jahr so viel Angst, dass ich manchmal fremden Menschen aus dem Weg gegangen bin. Auf diese Frage antworte ich normalerweise: vier. Und lasse das so stehen. Wenn jemand weiter nachfragt, sage ich, wie alt die Kinder sind und dass unser drittes Kind krank war und nun im Himmel ist. Und das sage ich nicht niedergeschlagen, sondern ganz natürlich - meistens, denn es gibt auch diese schweren Tage.

Aber heute war es die Schwester unserer syrischen Nachbarn, die Hannah und ich gerade besucht haben. Sie kann sich auf deutsch ein wenig unterhalten, die anderen kaum bis gar nicht. Sie fragte mich, wie viele Kinder ich hätte und ich sagte drei, weil ich nicht wusste, wie ich erklären sollte, dass sie nie vier Kinder bei mir sehen würde. Aber unsere Hannah hat plötzlich doch noch ihre Schüchternheit überwunden und ergänzt, dass wir noch einen Jungen haben und der ist zwei. Da brauchte ich nur noch sagen, dass er im Himmel ist. So einfach und natürlich.

Sehnen und Loslassen

Dass Samuel fehlt, steht uns nicht ständig vor Augen. Wenn ich Ben, Hannah und Emma zusammen sehe, dann denke ich nicht immer direkt an Samuel. Es sind vielmehr einzelne Momente, wie das Foto von Ben, Hannah und Emma an Hannahs Geburtstag. Erst als ich das Foto von den dreien sah, war sie da, die Trauer, das Sehnen. Aber nicht in diesem Moment.

Ein anderes Mal lag ich auf dem Sofa, um mich etwas auszuruhen, Alex spielte mit den Kindern im Kinderzimmer bzw das Spiel breitete sich über die ganze Wohnung aus. Und da war, der Gedanke: Eigentlich sollte jetzt auch ein kleiner Zweijähriger hier rumlaufen. Ein Gedanke. Ein Moment. Ein Sehnen. Und wieder Loslassen.

Vorfreude auf den Himmel

Das Sehnen bestimmt nicht unser Leben. Und es ist auch kein Sehnen nach der Vergangenheit. Es ist unsere Vorfreude auf den Himmel. Ja, Samuel hat sie erheblich gesteigert. Wir freuen uns so sehr auf den Moment, in dem wir alle zusammen sind, endlich vollständig.

Aber wir freuen uns nicht nur auf Samuel. Es geht beim Himmel nicht darum, unsere Sehnsucht zu stillen. Wir wollen Gott danken. Wir wollen Jesus um den Hals fallen. Wir wollen uns vor seine Füße werfen und ihn anbeten, für ihn singen. Dann werden wir wirklich vollständig sein, keine einzige Sehnsucht, kein Bedürfnis bleibt ungestillt. Dann werden wir ganz und heil. Aber nicht durch Samuel. Es ist Gott.

Meine Sehnsucht nach Mehr

Und ich weiß, dass ich manchmal (oder immer??) dazu neige, hm… melancholisch zu schreiben? Oder poetisch? Ich weiß auch nicht… Ich merke das ja gar nicht. Das ist einfach mein Stil. War er schon immer.

Diese Sehnsucht hatte ich schon immer in mir. Eine Sehnsucht nach Mehr.

Ja, es ist eine Sehnsucht nach Mehr. Mehr Leben. Mehr Tiefe. Mehr Friede und Harmonie. Mehr Liebe. Mehr Jetzt.

Nicht dieses oberflächliche, schnelle Leben. Ich will es ganz. Alles. Und da gibt es so viel mehr, als wir ahnen. Jesus hat uns die Fülle versprochen und ich will meine leeren Hände zu ihm hinstrecken und sie annehmen.

Wenn ich doch mal in die Hektik des Alltags verfalle und mein Inneres vor Unruhe brodelt, weiß ich, wo ich das Mehr wieder finde. Ich schlage meine Bibel auf, entweder einen Psalm oder die Evangelien, und stelle mir bildlich vor, wie Jesus über diese Erde wandelte und die Menschen mit einem einzigen Blick ganz tief in ihren Herzen berührte. Und genau das passiert dann mit mir. Jesus berührt mein Herz und füllt es mit Mehr.

Aber warum nun Trauer im Blog?

Schon seit wir wussten, dass Samuels Leben nur kurz sein würde, haben wir gebetet, dass seine kurze, zarte Berührung dieser Erde ganz viel verändern würde. Kaum jemand hat ihn gesehen, aber jeder sollte wissen, dass Samuel Neufeld zu uns gehört. Er hat uns verändert. Er hat uns so viel gegeben. Und wir haben gespürt, dass wir es weitergeben sollten.

Und daraus ist mein Traum entstanden. Ich möchte Eltern, die ihr Kind nur kurz, wenn überhaupt, bei sich haben können, begleiten. Deshalb wird die Trauer um ein Baby immer Teil meines Lebens sein.

Und deshalb werde ich auch immer mal wieder über Trauer, Leid und Schmerz schreiben.

 

Mehr Fotos von unserem Herbstshooting mit Yannick`s Fotos gibt es hier.

4 Antworten

  1. das ist ein schöner Post.
    Ganz harmonisch in sich selbst. Ich verstehe was du schreibst und kenne auch diese Sehnsucht nach Mehr. Und ich finde es bewundernswert, wie du mit deiner Geschichte und der Geschichte deines Samuels umgehst. Danke, dass wir ihn durch deinen Mut über ihn zu schreiben, kennen lernen dürfen!

    alles Liebe♥
    cora

    • Danke Cora!
      Ach ich freu mich immer, wenn unser kleiner Vogel Menschen berührt und auch andere ihn “kennenlernen”. Deshalb rede und schreibe ich gerne über ihn.
      Bewundern braucht man mich dafür nicht. Nur unsren guten Gott, der uns immer noch trägt.

  2. Hey Liebes, was für ein schöner Beitrag.
    Du definierst für mich Trauer ganz neu und ich lerne so viel dazu. Ich bin so unbeholfen bei dem Thema und du hilfst mir da raus und lässt mich ganz neu darüber nachdenken.
    Sehnen und Loslassen- das geht Hand in Hand.
    Die Familienbilder mit Samuel haben mich SEHR berührt. Sie sind wunderschön und ich bin froh euch als Familie zu kennen! Ihr seid der Wahnsinn!
    Glg, Lena

    • Danke Lena! Deine Worte ermutigen mich voll, dass ich auf dem richtigen Weg bin mit dem, was ich hier tue.
      :-*

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