Von Wut über den Tod und mein Weg zur Hoffnung

Ich bin heute so sauer wie schon lange nicht mehr.

Nach dieser ungeplant langen Blogpause hatte ich eigentlich vor, euch zu erzählen, wie schön unser Sommer war und ein paar der vielen, vielen Bilder zu zeigen, die ich in den letzten Monaten gemacht habe... Stattdessen muss ich mir gerade einiges von der Seele schreiben, was sich über den Vormittag angestaut hat. Mein Staubsauger hat es schon zu spüren bekommen und auch die Kartoffeln, die ich für unser Mittagessen geschält habe. Als ich dann auch noch Milch über sauberes Geschirr und den Küchenboden vergossen habe, war mir klar: Es muss raus.

Ich bin sauer auf den Tod.

Dieses Mistvieh ist so erbarmungslos und willkürlich und sinnlos. Wir können es noch so sehr anbrüllen und ihm unsere verzweifelten Tränen entgegenschleudern. Es ist ihm gleichgültig. Es ändert sich nichts. Wir bleiben machtlos und ohnmächtig zurück. So sehr wir auch gekämpft, gebetet und gebettelt haben, der Tod sagt schlicht "Nein".

Der Tod scheint das letzte Wort zu haben, denn er macht auch vor einem jungen Familienvater nicht Halt, dessen Herz voller Liebe für Gott und seine Mitmenschen war. Ich habe begonnen, diesen Artikel zu schreiben, als meine Freundin mir in der letzten Woche mitteilte, dass Didi am Morgen gestorben war. Obwohl ich ihn nicht gut kannte, bin immer noch tief traurig darüber. Und wütend.

Wenn ich sauer bin, dann merkt man mir das nicht direkt an. Aber innerlich schreie ich. Und manchmal werfe ich Sachen an die Wand - vor meinem inneren Auge. Oder ich sauge den Fußboden besonders intensiv...

Die Wut auf den Tod spürte ich zum ersten Mal ganz deutlich, als ich vor dem Grab meines Babys stand. Es war gerade erst mit Erde aufgeschüttet worden, nachdem man diesen viel zu kleinen Sarg hinabgelassen hatte. Ich stand da und alles, was ich denken konnte, war: Das ist nicht richtig. Es ist alles falsch. Der Tod ist falsch!

Einige Tage später stand ich wieder dort. Die Erde hatte sich schon etwas gesetzt. Die Blumenkränze hatten zu welken begonnen. Und plötzlich wusste ich es: Ja, der Tod ist falsch. So hatte Gott sich das Ganze nicht gedacht. Wir sind nicht zum Sterben gemacht. Diese Erkenntnis war in dem Moment so tröstend für mich, weil ich es nicht einfach hinnehmen musste: Ich darf wütend über den Tod sein. Sätze wie: "Denen, die Gott liebe, werden alle Dinge zum Guten dienen..." mögen in anderen Situationen tröstend sein. Aber jetzt konnte und wollte ich ihn nicht mehr hören. Ich wollte schreien und klagen dürfen. Und ich durfte es. Ich darf es. Als Lazarus, ein enger Freund Jesu, gestorben war, wurde Jesus auch wütend über den Tod: "Als Jesus die weinende Maria und die Leute sah, die mit ihr trauerten, erfüllten ihn Zorn und Schmerz." (Joh 11,33; NL)

Der Tod ist falsch.

Und trotzdem sterben wir. Schlimmer noch: Unsere Lieben sterben manchmal vor uns. Oft unerwartet. Viele sind noch viel zu jung. Und ob wir an Gott glauben oder nicht - der Tod macht da keinen Unterschied.

Denn ich stand am nächsten Tag wieder an diesem kleinen Grab und weinte verzweifelt. Und auch am übernächsten Tag. Und am Tag darauf. An irgendeinem dieser Tage - ich war allein auf dem Friedhof und redete wie so oft mit meinem kleinen Sohn und sagte ihm, wie sehr ich ihn vermisste - da wurde mir plötzlich etwas bewusst. Ich schaute die ganze Zeit nach unten, auf die Erde, die den Sarg bedeckte. Doch dort war Samuel doch gar nicht. Er war zuhause, oben im Himmel. Ich sollte in den Himmel sehen, wenn ich mit ihm spreche.

Ich veränderte meinen Blickwinkel.

Ich sah nicht mehr auf das dunkle Loch, die Erde oder den Verlust, sondern in den Himmel. Nun sah ich nicht mehr Dunkelheit und Endgültigkeit. Da war Leben. Das Kreuz vor dem 1.8.2013 ist kein Symbol für Samuels Tod, sondern für den Beginn seines neuen Lebens. Denn die Wahrheit ist: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Weil es einen gibt, der ihn besiegt hat. Einen, der Hoffnung in das Schwarz dieser Welt gebracht hat. Gott schaut nicht einfach teilnahmslos zu, wenn wir leiden, sondern er hat sich hineinbegeben. Er hat sich dem Tod gestellt. Und er hat gesiegt. Das Kreuz ist zum Zeichen des Sieges geworden. Und obwohl Jesus wieder in den Himmel gegangen ist, ist er dennoch mittendrin in unserem Leid.

Anfang und Ende. Ende und Anfang.

Mal wird das eine vordergründig sein, mal das andere. Mal der Schmerz, mal die Hoffnung. Beides ist real. Doch das Ende, der Tod, wird sich nicht als Punkt erweisen. Irgendwann werden wir das Komma darunter sehen.

Doch zwischen dem Tod und der Hoffnung steht eine Entscheidung: Vertraue ich, auch wenn ich es nicht verstehe? Glaube ich, auch wenn ich nicht sehe? Hoffe ich weiter trotz der Enttäuschung? Bleibe ich dennoch bei Gott?

Ich entscheide mich für das Dennoch.

Heute wieder. Jeden Tag neu. Und das wünsche ich auch euch, die ihr das Ende eines Lebens seht. Und vor dem Anfang eines neuen, anderen Lebens steht. Ich bete, dass es ein Leben voller Hoffnung ist. Denn die Hoffnung ist stärker als der Tod. Manchmal werden wir diese Hoffnung in unseren Knochen spüren, manchmal gar nicht. Doch darauf sollten wir nicht unsere Entscheidung gründen. Ich glaube, weil ich mich dafür entscheide. Ich vertraue, weil ich mich dafür entscheide. Ich hoffe, weil ich mich dafür entscheide.

Die Hoffnung lebt zuletzt. Valerie Lill, du weißt ja gar nicht, wie groß dieser Satz in meinem Herzen geworden ist.

Die Hoffnung lebt zuletzt. Punkt.

(Vor fünf Jahren habe ich auf Samuels Blog über Dankbarkeit statt Wut geschrieben.)

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