Was wäre, wenn – Geburtstage ohne Geburtstagskinder

Es ist Juni.

Der Monat, in dem wir zweimal Geburtstag feiern. Zweimal ohne Geburtstagskind.

Annika.

Meine kleine Schwester. Sie wäre letzten Montag 26 Jahre alt geworden. So oft frage ich mich, was wohl wäre, wenn...

Was wäre, wenn sie an diesem Abend zu Hause geblieben wäre?

Was wäre dann?

Wäre sie noch am Leben?

Wäre sie verheiratet? Vielleicht schon eine junge Mama? Auf jeden Fall hätte sie ihre Friseurausbildung beendet und den Großteil ihres Urlaubs bei uns verbracht, um mit ihren Nichten und Neffen zu spielen.

Was wäre wenn...

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Samuel.

Mein kleiner Sohn. Morgen wäre sein vierter Geburtstag. Er würde schon vier Jahre alt werden. So ein großer Junge.

Was wäre, wenn er gesund zur Welt gekommen wäre?

Würde er sich dann ein eigenes Fahrrad wünschen? Oder eine Ritterburg von Playmobil? Einen Fußball, um mit seinem großen Bruder über den Garten zu jagen?

Was wäre, wenn er trotz seiner Trisomie noch am Leben wäre?

Hätte ich ihm einen Rollstuhl kaufen dürfen?

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Was wäre wenn...

Diese Frage stelle ich mir nicht häufig, jedoch kommt sie am Geburtstag doch auf. Sie quält mich nicht, bringt mich sogar zum Lächeln. Macht mich ein wenig traurig. Vielleicht auch ein wenig mehr.

Zwei Herzensmenschen, die wir feiern. Trotzdem. Weil wir sie lieben. Immer.

Es scheint alles so ungerecht, macht keinen Sinn.

Warum muss ein 17-jähriges Mädchen sterben?

Warum wird ein Baby seiner Familie so schnell wieder genommen?

Fragen darf sein. Trauer darf sein. Freude darf auch sein.

Ich denke an Annika. Wie sie mir zum ersten Mal die Haare geschnitten hat. Besser als viele Friseure. Wie ich ihr Jahre zuvor die Haare geschnitten hatte, allerdings ohne Talent. Wie wir zusammen gebastelt haben. Wie sie Alex und mich in unserer ersten gemeinsamen Wohnung besucht hat. Wie stolz ich auf sie war, als sie eingeschult wurde... Viele Erinnerungen, wild durcheinander, die mein Herz hüpfen und weinen lassen.

Ich denke an Samuel. Mein kleiner Sohn. Klein, zart und hilflos lag er im Inkubator, als ich ihn zum erste Mal sah. Seine Haut war zu groß. Sein Brustkorb zeichnete jeden Knochen ab. Sein Gesicht war von der Atemmaske bedeckt. Ich wollte ihn halten, konnte ihn jedoch nur leicht mit den Fingerspitzen berühren. Ich weinte. Vor Schmerz, ihn so zu sehen. Vor Erleichterung, dass er lebte. Vor Glück. Vor Angst. Vor Sehnsucht.

Als ich ihn sah, stand ganz klar fest: Egal, welche Krankheit er hatte, ich wollte ihn genau so.

Damals wussten wir nicht, was für ein Geschenk es ist, dass er einen Geburtstag hat. Und deshalb werden wir diesen morgen bunt und fröhlich feiern. Mit Kuchen und Picknick und diesmal sogar mit Geschenken.

#KissesToHeavenMalZwei

PS: Wie es uns im letzten Jahr an Samuels Geburtstag ging, erzähle ich euch hier: 3. Geburtstag ohne Geburtstagskind.

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4 Antworten

  1. Regina, fühl dich ganz fest gedrückt!

  2. Hallo liebe Regina,
    dein Beitrag hat mich sehr nachdenklich gestimmt und mich sehr berührt, denn ich feiere drei Geburtstage ohne meine Kinder. Meine Tamara, mein Max und meine Johanna. Ich konnte sie nie kennelernen , aber ich habe ihren Herzschlag eine Zeitlang mitverfolgen dürfen und auch spüren dürfen. Ich denke jeden Tag an meine Babies und bin aber auch gleichzeitig Gott dankbar, dass ich diese Babies in mir haben durfte. Die Trauer ist groß im Herzen, aber ich habe keinen Schmerz mehr, sondern verspüre Dankbarkeit. Ich weiß, dort wo sie jetzt sind, sind meine Babies glücklich und warten auf mich , wenn die Zeit reif ist.

    • Liebe Bibi,
      ich danke dir für deine Nachricht. Ich weiß, welche Dankbarkeit du meinst. Diese Tiefe kannte ich vorher noch nicht. Ich habe das Gefühl, wir haben sowohl im Schmerz als auch in der Freude eine Dimension kennengelernt. Und nun tragen wir ein Stück Himmel im Herzen und ein Teil von uns ist bereits dort. Was wären wir nur ohne dieses Wissen.
      Alles Liebe, Regina

  3. […] „Geburtstage ohne Geburtstagskinder“ heißt der bewegende Beitrag meiner Freundin Regina. […]

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