Winzige Spuren

Gastbeitrag von Angelika Pauls

Es ist wieder Herbst. Jedes Jahr, wenn es bunt wird, die Tage kürzer und kühler werden, wird es wieder schwerer für mich. Alles wird wachgerufen in mir und die Erinnerung ist so intensiv.

Unser Sohn Levi wurde am 09.10.2014 um 4:24 Uhr still geboren.

Er war ein absolutes Wunschkind, wie man so sagt. Wir haben uns riesig auf ihn gefreut.

Am 07.09. wurden bei mir die Ringelröteln festgestellt.

Alle 2 Tage wurde ich nun in der Uniklinik untersucht, auch an den Wochenenden. Alles drehte sich um unseren zweiten Sohn, unser Wunder. Wir beteten um Heilung und wir glaubten daran, an das Wunder. Es wurde schnell deutlich, dass sich der Kleine angesteckt hatte, aber seine Gehirnströme waren noch in Ordnung. Immer wieder bestätigte man uns: Dem Kind geht es gut, das Herz ist gesund.

Eines Tages träumte ich von einem Grabstein und im Traum suchte ich einen Spruch für eine Trauerkarte. Wir wählten in diesem Traum den Vers aus Hiob: "Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt." 

Ich schob diesen Traum sehr, sehr weit weg, und sprach mit niemandem darüber. Zumal ich es nicht verstand. Gott konnte Levi heilen, daran glaubte ich fest.

Am Dienstag, den 07.10 stellte man fest, dass Herz und Leber des Kindes  vergrößert seien und Flüssigkeit im Bauchraum war. So hatte er keine Überlebenschance. Die einzige Hoffnung war eine Bluttransfusion über meine Bauchdecke. Wir warteten einige Stunden bis zu dem Eingriff. Und beteten. Alle unsere Lieben beteten.

Der Eingriff ging schief. Der Kleine hatte nur noch einen HB von 2,2. Der Professor wurde gerufen. Alle flüsterten wild durcheinander. Wir sahen auf dem großen Bildschirm, wie unser Sohn um sein Leben kämpfte. Und sein Herz, das immer langsamer pochte. Ich starrte auf die Uhr: 17:30 Uhr. „Er ist bradykat“, sagte jemand. Der Professor fragte: „Noch ein Versuch?“ „Ja!“, schrie mein Herz, aber ich war gefangen in meiner Seifenblase. Die Ärztin sagte: „Nein, ich denke, er schafft es nicht.“

Dann sah sie uns ernst an. Durch die Seifenblase hindurch. Kaum noch Herzschlag. Sie glaube nicht, dass er es schafft.

Kaum Hoffnung.

In einer Stunde sollte wieder kontrolliert und der Eingriff gegebenenfalls am Folgetag wiederholt werden.

18.30  Uhr hatte er sich wider Erwarten aufgerappelt. Er bewegte sich, hatte einen guten Herzschlag und wir schöpften wieder so viel Hoffnung. Und doch gaben wir uns und unser Schicksal ganz bewusst in die Hände unseres himmlischen Vaters und baten auch unsere Familien, in dieser Weise für uns zu beten.

Um 02:30 Uhr streckte er sich noch einmal. Sein Kopf beulte sich durch meine Bauchdecke. Ich streichelte ihn.

Und dann wurde es still in mir.

Mein Vogel war davon geflogen.

Um 08:00 Uhr war Ulltraschall. Ich sah auf den Monitor. Da war es still. Das Herz schlug nicht mehr.

Mit tränenverschleiertem Blick ging ich zurück auf mein Zimmer. Innerlich tot. Ich war mir so sicher, ich würde nie wieder im Leben lachen oder Glück empfinden können.

Wie in Trance wurde ich entlassen. Wir fuhren in unser heimisches Krankenhaus. Nichts hielt mich hier. Die Gefühlskälte, mit der ich behandelt worden war, erschreckte und verletzte mich.

Im heimischen Krankenhaus begann man mittags mit der Einleitung. Ich wollte es hinter mich bringen. Und dann doch nicht. Nein! Wir wollten ihn kennenlernen. Sein Lachen, seine Stimme. Sein Lieben, sein Leben. Ihn! Unseren Sohn! Den kleinen Bruder! Hätte er Locken gehabt? Blond oder doch so dunkel wie Papa? Wäre er musikalisch gewesen? Ein kleiner Schelm?

Nur Gott weiß es.

Aber ich wollte diesen einen Moment mit ihm.

Ihn einmal in den Arm nehmen. Ihn einmal herzen. Ihm einen Namen geben. Ihn gebären. Ihn in eine Decke wickeln und in ein Körbchen legen. Das wenige geben, was ich konnte.

Er wurde geboren. Winzig klein, nur 305 g. So perfekt und wunder-, wunderschön. Meinen Mund, die Augenform seines Bruders. So schöne Hände. Perfekt. Ein Wunder. Es war Donnerstag, der 09.10.2014, 04:24 Uhr. Schwangerschaftswoche 23+0.

Ein Friede legte sich wie eine Decke über den Kreißsaal.

So viel Friede, als hätten die Engel ihn abgeholt. Selbst die Hebamme und die Ärztin spürten es. Ich sah meinen Sohn an, in der wunderschönen Decke, die meine Schwester ihm genäht hatte, und schloss dieses Bild, so friedlich und wunderschön in mein Herz.

Später schrieben wir unseren Lieben eine Nachricht.

Levi, 305 g, geboren am 09.10.2014, 04:24 Uhr … direkt in Gottes Arme. 

"Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gelobt." 

Wir wussten, es sollte so sein. Auch wenn wir es nicht verstehen konnten, unser himmlischer Vater, der unseren Sohn noch so viel mehr liebte als wir, hatte ihn zu sich geholt.

Meine Eltern fuhren gleich morgens die fast 600 km, um bei uns zu sein. Am Nachmittag betete mein Vater für uns und über unseren Sohn, dann ließen wir ihn zurück und ich durfte heim.

Zuhause traf mich die Trauer ungehemmt.

Ich weinte viel. Am Samstagmorgen kuschelte sich unser zweijähriger in mein Bett. Er streichelte meinen leeren Bauch und fragte leise: „Baby?“ und ich rang nach den richtigen Worten, um ihm zu erklären, dass sein Bruder nun ein Himmelskind war.

Einige Tage später ging die Sonne wunderschön am Himmel unter und er sagte in Richtung des Strahlens: „Hallo Jesus, hallo Levi.“ Mein kleiner Junge, er hatte es verstanden.

Ich wurde sehr krank. Auf der Beerdigung hatte ich hohes Fieber und eine schlimme Grippe. Dazu kamen schwere Entzündungen.

Meine Arme waren leer, mein Herz schrie nach meinem Baby.

Ich denke, dieses Phänomen kann man niemandem erklären. Wie stark plötzlich der Wunsch nach einem Kind in den Armen ist. Doch wir wussten, Gott trägt uns. Und viele Menschen tragen uns auf Gebetshänden .

Wir haben viel über ihn geredet und stießen damit auf sehr viel Unverständnis. Schon eine Woche nach der stillen Geburt fragte mich der Erste, wann ich mal aufhöre, mich da „reinzusteigern“ und zu weinen. Viele sagten: "Ach, ihr seid jung, kriegt doch einfach ein neues Kind." Bis heute stoßen wir immer wieder auf Menschen, die meinen, man dürfe nicht um ein Kind trauern, das noch nie gelebt hat.

Und dann waren da die anderen

Die still unsere Hände drückten und mitweinten. Von ihren eigenen Verlusten erzählten. Einige zum ersten mal. Die vielen, die den Schmerz kannten und verstanden, selber oft jahrelang unverstanden.

Die Angst in meiner Folgeschwangerschaft war sehr groß. Und doch durfte ich wieder lernen. Lernen, meine Angst bei Gott zu lassen. Ganz auf ihn zu vertrauen. Darauf, dass er mich und mein Baby schon kannte, noch bevor wir geformt wurden (Ps. 139). Dass er es am Ende alles zum Besten zusammenführen würde.

Dann wurde unser Kleiner geboren. Unser Regenbogen nach dem Sturm. Unser Wunder. Sein erster Schrei war Balsam für unsere verwundeten Herzen. Er war so viel Heilung für unsere Seele. Er ist gesund und jeden Tag beglücken unsere beiden Söhne uns mit ihrer fröhlichen Art und ihrem Lachen.

Ich darf seit dieser Zeit vielen Frauen nach einer Fehlgeburt zuhören und sie ermutigen, sich zu öffnen. Für sie da sein, wenn sie möchten, was mir viel bedeutet, obwohl es mir anfangs schwer fiel, diese Aufgabe anzunehmen und den Schmerz um andere Kinder „mitzutragen“.

Wir sprechen viel über den Himmel und über Levi. Wir schätzen das Leben und die Gesundheit auf eine neue Weise und gehen gerne auf den Friedhof. Auch mit den Kindern. Wir trauern noch um ihn, aber der Friede umhüllt unsere Herzen.

Wir vermissen ihn sehr.

Auf jedem Familienbild, am Esstisch, beim Spielen. Und gehen wir zu Bett vermisse ich einen dritten Bub, der sich an mich kuschelt. Doch wir sind glücklich. Gott ist so gut zu uns, wir können jeden Tag nur danken. Unser himmlischer Vater hat unseren Schmerz geheilt, und wir freuen uns nun noch mehr auf den Himmel. Und auch wenn wir nicht wissen, warum Levi nicht bei uns sein kann, er weiß es und das genügt.

Levi geliebt und unvergessen.

4 Antworten

  1. Der Artikel berührt mich sehr. Wir haben vor 8 Jahren unser zweites Kind in der 11.SSW verloren. Wir freuen uns sehr es im Himmel kennenzulernen und durften viel Trost und Heilung erfahren. Aber auch das Unverständnis; das tut weh.
    Wir hatten damals den selben Vers auf dem Herzen und ich habe die ganze Geschichte aufgeschrieben und wir haben für uns ein Album mit allen Erinnerungen gestaltet. Da steht er dabei. Als ich gerade fertig war, alles aufzuschreiben, gab es draußen einen wunderschönen Regenbogen. Das hat mir Mut gemacht.
    Gott hat uns danach noch zwei wundervolle Kinder geschenkt und dafür sind wir sehr dankbar. Dankbar auch für viel Liebe, Trost und Freundschaft in der Zeit der Trauer. Aber auch dankbar, andere jetzt besser verstehen und mitfühlen zu können.
    Danke für die Offenheit und ich wünsche dir, dass du dich immer von unserem Vater im Himmel getragen weisst. Alles Liebe, Eva

    • Liebe Eva, vielen Dank für dein Kommentar und dass du uns auch an deiner Geschichte teilhaben lässt. So ein Album ist wirklich eine schöne Erinnerung und Erinnerungen sind so wichtig, auch wenn der Mensch, den man vermisst, noch gar nicht oder nur kurz auf der Welt war. Ich wünsche dir und deiner Familie viel Segen von unserem guten Gott. Alles Liebe, Regina

  2. Danke für diesen offenen Bericht.
    So viele Frauen mit so einem Schicksal- nur mit anderen Geschichten…

    Und die Konfrontation mit Unverständnis, fehlendem FEingefühl und oft Verletzungdurch Taktlosigkeit.

    Wir leben in einer gefallenen Welt, mit allen Konsequenzen in unseren Leben- welch ein Zeugnis, wenn Menschen trotz allem Leid, Trauer und Schmerz Gott loben und ihn bezeugen.

    DANKE dafür!

    • Da kann ich mich nur anschließen. Wir müssen aufhören, über unsren Schmerz zu schweigen, sondern authentisch erzählen, dass auch wir Christen Leid erfahren. Doch wir haben die Quelle zu Trost und Hoffnung.

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